Beschreibung
Frei nach Joseph Beuys:
„Jeder Mensch ist ein Künstler.“
Es gibt Künstlerbiografien, die sich lesen wie ein sauber gefügtes Mosaik: frühe Prägung, Ausbildung, Werkphase, Durchbruch. Und dann gibt es jene Lebenswege, die eher einer rauen, ungebändigten Collage gleichen — Schichtung über Schichtung, Risse, Flicken, überraschende Wendungen, ein Spiel mit Brüchen und Wiederbeginn. In diese zweite Kategorie fällt ohne Zweifel Tork Pöttschke, der mit diesem Bildband erstmals in großem Umfang seine malerische Arbeit präsentiert. Für viele mag das überraschen: Unser Pöttschke, bislang hauptsächlich als Schreiberling, Chronist des Skurrilen und feinnerviger Fotograf bekannt, öffnet mit „MALEREIEN – abstrakt bis figurativ, Acrylbilder & Aquarelle auf Papier“ ein neues Kapitel seines kreativen Kosmos.
Die hier versammelten Arbeiten entstanden während einer knapp zehnjährigen Phase, die Pöttschke selbst – mit einem ihm eigenen ironischen Unterton – als seine „Verwahrungszeit“ bezeichnet. Eine Zeit, die weniger als biografischer Makel zu verstehen ist, sondern als ein radikaler Rückzug und intensiver Möglichkeitsraum. In dieser Phase, geprägt von Distanz zum Gewohnten, fand er in der Malerei ein Medium, das ihn zugleich forderte und befreite. Die „deliziösen Delikte“, auf die er in seinen Texten anspielt, sind dabei eher poetische Chiffren eines Lebens am Rand des Üblichen, eines Daseins voller Grenzerfahrungen und Grenzüberschreitungen. Was immer davon autobiografisch, literarisch überhöht oder humorvoll gefärbt ist – entscheidend ist, dass aus dieser Zeit Werke hervorgegangen sind, die in ihrer Tiefe und Sensibilität überraschen.
Aquarelle gelten gemeinhin als zarte, flüchtige Technik. Bei Pöttschke jedoch wird das Medium zu einer Art innerem Seismografen. Seine Farbflächen pulsieren, seine Linien scheinen die Struktur von Gedanken zu offenbaren, bevor sie zu Ende gedacht sind. Mal dominiert das Abstrakte: vibrierende Kompositionen, die an Landschaften erinnern, die es nicht gibt, oder an seelische Zustände, die sich jeder Benennung entziehen. Dann wiederum kippt das Blatt in die Figuration: Gesichter tauchen auf, Hände, Körperfragmente – nie vollständig erzählerisch, immer Andeutungen, wie Schatten von Präsenz. Man spürt, dass diese Bilder nicht „gemacht“, sondern erlebt wurden.
Was diesen Bildband besonders macht, ist die unverstellte Offenheit, die aus jeder Arbeit spricht. Pöttschke malt nicht, um zu gefallen, zu beeindrucken oder zu bedienen. Er malt, weil er muss – weil ihm die Farbe auf dem Papier ein Ort wurde, an dem Schweigen möglich war, aber auch Befreiung, Analyse, Selbstironie. Die Aquarelle wirken wie Momente, in denen der Künstler sein inneres Archiv ordnet: Erinnerungen, Verwerfungen, Sehnsüchte, Irritationen. Gleichzeitig bleibt immer ein Rest Geheimnis – ein Unausgesprochenes, das den Betrachter einlädt, selbst weiterzudenken.
Wer Pöttschkes fotografische Arbeiten kennt, wird Verwandtschaften entdecken: den Blick für das Unscheinbare, die Liebe zum fragmentarischen Detail, die Zuneigung zu all jenen Rissen im Alltag, durch die das Skurrile hindurchscheint. Doch die Malerei ermöglicht ihm eine andere Art von Risiko. Sie zwingt zur Reduktion, zur Unmittelbarkeit. Wo die Fotografie noch mit der Welt ringt, entsteht hier ein Raum, in dem Wahrnehmung zu Farbspur wird – und diese Spur ist oft überraschend verletzlich.
Dass Pöttschke mit diesem Band neues künstlerisches Terrain betritt, sollte nicht als bloßes Experiment verstanden werden, sondern als Konsequenz einer Entwicklung, die bereits lange im Stillen verlief. Die Malereien haben ihre eigenen Gesetze, ihren eigenen Rhythmus. Sie stehen selbstbewusst neben den schriftstellerischen und fotografischen Arbeiten, bilden jedoch zugleich eine Resonanzfläche für das gesamte Oeuvre. Immer interessant, immer eigensinnig – Pöttschke bleibt sich treu, gerade indem er etwas Neues wagt.
Dieser Bildband ist somit weit mehr als eine Sammlung von Aquarellen. Er ist ein Zeugnis der Verwandlung, ein künstlerisches Tagebuch, eine Form von leiser Behauptung gegen die Linearität des Lebens. Möge er dazu einladen, sich einzulassen: auf Farbe, auf Bruch, auf Überraschung. Auf einen Künstler, der inmitten einer außerordentlichen Lebenssituation eine visuelle Sprache gefunden hat, die ebenso persönlich wie universell ist.





